Die Multimodale Schmerztherapie – Teil 1

Von Mark Magnus I Datum: 05.03.2013

Der Schmerz der nicht enden will.

Über 10 Jahre hin und her, Fragen über Fragen, und nicht enden wollende Qualen. Jahre lang in dieser Abwärtsspirale gefangen zu sein war oftmals weit schwieriger als ich es ertragen konnte, aus der ersten Reihe mit ansehen zu müssen, wie vieles, was man sich aufgebaut hat, den Bach runter geht, kostet unheimlich viel Nerven und Kraft. Das, in Verbindung mit den Enttäuschungen, der Hilflosigkeit, den Ängsten und den jahrelangen Schmerzen, Tag ein Tag aus, macht einen anderen Menschen aus dir.

„Folgen der Folter zeigen häufig dasselbe klinische Bild wie chronischeSchmerzsyndrome und schmerzbedingte Krankheiten.“

Brigitte F. Lienert, Physiotherapie bei Folter- und Kriegsopfern PDF

Besonders in den letzten Jahren, in denen der Schmerz jeden Tag das Erste und Letzte war, das ich gespürt habe, waren besonders hart. Ich war schon immer ein Perfektionist Egal was ich angefangen habe, ich habe stets sehr viel Leidenschaft und Engagement einfließen lassen. Immer nach dem Motto „Wenn du etwas machst, dann mach es richtig!“. Nachdem ich erkrankt war habe ich von Anfang an 101% gegeben, egal was ich gemacht habe. Reha, Gymnastik, Rückenschule uvm. Der Glaube, alles mit nur genügend Motivation und Ehrgeiz schaffen zu können kam für mich langfristig einem Genickbruch gleich. Wenn Dinge außerhalb deines Einflussbereichs liegen kostet es einen nur unendlich viel Kraft gegen die Situation an zu kämpfen. Wenn man jedoch weiß, womit man es zu tun hat, ändert das alles. Ab irgend einem Punkt ist jeder so weit, dass er (fast) alles tun würde, nur um die Schmerzen zu beenden. Das Chronische Schmerzsyndrom ist, was das betrifft, eine heimtückische Krankheit. Vieles bei dem man sich einbildet, dass es einem helfen könnte ist falsch oder genau das Gegenteil ist hilfreich.

Man kann nichts vernünftig ändern, bevor man diese Krankheit verstanden hat. Jeder Tag hat eine Unmenge an Stolpersteinen, die die Schmerzen im Handumdrehen verstärken können. Ich erinnere mich an so viele Tage an denen ich absolut nicht verstehen konnte, warum ausgerechnet heute die Schmerzen so unerträglich waren, immer im Hinterkopf am Grübeln, was ich wohl besser machen könnte.

Unerwartet auf den richtigen Weg.

Ein erster Schritt in eine neue, in die richtige Richtung war die Empfehlung eines Arztes, der selbst betroffen war. Er nahm mich zur Seite als ich mal wieder wegen unerklärlichen Schmerzen Stufe 8-10 in der Notaufnahme einer Klinik stand. Ein Chirurg mittleren Alters, der durch seine Schmerzerkrankung, ähnlich wie ich, in schon so manchen Abgrund gesehen hatte. In einem vertraulichen Gespräch erzählte er mir seine Geschichte, von den ersten Beschwerden bis hin zu den nicht endend wollenden Qualen und der damit Hand in Hand gehenden Depression, die sich irgendwann zwangsläufig einschleicht. Er war der erste ,der mir zu einer Multimodalen Schmerztherapie geraten hat. Ein Begriff der mir bis dato unbekannt war. Nach diesem Gespräch, in dem ich mir seit langer Zeit das erste Mal verstanden und ernst genommen vor kam, bot mir der Arzt an, für mich bei der Klinik in der er zur Behandlung war, einen Termin zu vereinbaren, was ich dankend an nahm.

Der erste Kontakt

Nachdem ich in der Klinik angekommen war wurde ich erst mal als Akutpatient für eine Woche aufgenommen. In dieser Woche sollte mir bei der Linderung der Schmerzen geholfen werden aber auch bei Vorgesprächen und ausführlichen Tests durch Ärzte verschiedener Fachrichtungen, Psychologen und Physiotherapeuten geklärt werden, ob die Therapie für mich geeignet wäre und ich wirklich an chronischen Schmerzen leide und keine akute Problematik vor läge. Nach 5 Tagen war alles geklärt und ich hatte die Zusage, dass ich an der Therapie teilnehmen konnte. Schon während der Testphase habe ich andere Patienten kennen gelernt, die zu diesem Zeitpunkt in einer der beiden Therapiegruppen waren. Zum ersten Mal hatte ich die Chance, mit anderen Betroffenen zu sprechen und ich fühlte mich verstanden. Trotzdem ging ich völlig ohne Erwartungen zur Therapie. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt einfach nicht mehr die Kraft, mir falsche Hoffnungen zu machen und am Ende wieder enttäuscht zu werden. Deswegen wollte ich den Ball flach halten.

Nach 2 Wochen war es dann endlich so weit, ich konnte meine vierwöchige Therapie antreten. Obwohl ich mir geschworen hatte, nicht zu euphorisch an die Sache heran zugehen, war ich doch voller Vorfreude nach all dem, was ich von dem Arzt und den anderen Patienten gesagt bekommen hatte. Angekommen wurde einem erstmal ein Zimmer zugeteilt. In jedem Zimmer wurden zwei Patienten untergebracht. Ich hatte Glück. Mein Zimmernachbar war sehr nett und hatte das gleiche Alter, was das Zusammenleben in den vier Wochen erleichtert hat.

Die erste Gruppenrunde

Nachdem wir uns alle etwas eingelebt hatten und soweit alles an Papierkram erledigt war, wurden wir alle zu einer Besprechung in einen Gruppenraum gebracht. Nachdem man uns Grundlagen der Multimodalen Gruppentherapie erklärt hatte und wir einander vorgestellt worden waren, kam dann der erste Hammer:

Ohne groß um den heißen Brei herum zu reden erklärte und der Chefarzt, dass es für das Chronische Schmerzsyndrom aufgrund seiner Vielfältigkeit keine Heilung gäbe. Er erklärte uns, dass es hier in der Therapie auch nicht um Heilung ginge, sondern um Linderung der Schmerzen und darum, wieder mehr Lebensqualität zu erhalten. Man erklärte uns, dass wir zu so einer Art Profi für Schmerzerkrankungen werden müssten um der Krankheit effektiv etwas entgegen zu setzen. Wir sollten Strategien lernen, um Schmerzen zu lindern, Entspannungstherapien, einen besseren Umgang mit der Krankheit und wieder zu einem aktiveren Leben zurück zu finden.

Ich weiß noch, dass so manchem der anderen Patienten der Schock ins Gesicht geschrieben war, als der Arzt uns erklärte, dass wir von nun an bis zu unserem Lebensende mit den Schmerzen und dieser Erkrankung leben müssten. Eine weibliche Patientin verließ mit Tränen in den Augen das Zimmer, wurde aber nach einigen Minuten wieder zurückgebracht. Für mich war das ein unheimlich wichtiger Moment. Endlich wusste ich, was da eigentlich mit mir die ganze Zeit passiert war. Obwohl die Nachricht, dass es keine wirkliche Heilung gibt eigentlich schockierend war, fühlte ich mich, als wäre mir ein riesiger Stein vom Herzen gefallen. Endlich Klarheit, endlich keine Experimente und falsche Hoffnungen mehr. Nach dem Gespräch wurden wir zurück in unsere Zimmer entlassen. Nach einigen Minuten fanden sich jedoch alle in unserem Gruppenraum zusammen, um über das gehörte zu reden. Nach dem Abendessen und weiteren Gesprächen und regem Erfahrungsaustausch zogen sich alle in ihre Zimmer zurück.

Fortsetzung folgt.................

Teil 2 ist in arbeit & erscheint in den nächsten Wochen.

Danke für Ihr Interesse.

Vorschau:

Die Multimodale Schmerztherapie – Teil 2

  • Die ersten 14 Tage
  • Alles neu
  • Umdenken
  • Das leben der anderen
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